Menschenrechte GSR

 


Was in zehn Jahren gewachsen ist

Der Name ist Programm: Bei ihrer Gründung im Jahr 2002 entschied sich die Geschwister-Scholl-Realschule nicht nur bewusst für den Namen der zwei  jungen Mitglieder der Münchner Gruppe Weiße Rose, die 1942-43 auf Flugblättern zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen hatte. Sie legte auch gleich den 10. Dezember, den Internationalen Tag der Menschenrechte, als künftigen „Schulfeiertag“ fest. Und bald schon wurde ein eigenes Schullied komponiert, das sich am historischen Vorbild der Geschwister Scholl orientiert und Handlungsentwürfe für die Gegenwart präsentiert.


aktionpreisverleihungDie Empfehlungen der Kultusministerkonferenz ist das eine; die Umsetzung von Menschenrechtsbildung an Schulen das andere. Wie letzteres konsequent und gut strukturiert umgesetzt werden kann, zeigt das Beispiel der jungen Geschwister-Scholl-Schule im Gebäude der ehemaligen Kamerawerke Braun. Ein Lehrerteam um einen engagierten Religionslehrer ließ sich von den  Experten des Nürnberger  Menschenrechtszentrums und dem Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg eingehend beraten, um ein eigenes und dauerhaftes Konzept zur Menschenrechtsbildung für  alle Jahrgangsstufen und somit die insgesamt 900 Schülerinnen und Schüler zu entwerfen.

 

Internationaler Nürnberger Menschenrechtspreis 2011: Sieben Schülerinnen und Schüler beteiligten sich bei der Preisverleihung im Opernhaus und begrüßten anschließend den Preisträger in der Straße der Menschenrechte mit einem riesigen Tapeartkunstwerk.

 

So findet jedes Jahr am 10. Dezember ein komplett anderer Unterricht statt. Die für jede Jahrgangsstufe erstellten Ordner geben für die jeweiligen Altersstufen zugeschnittene Themen vor, denen sich die Kinder und Jugendlichen widmen. Die Jüngsten aus den 5. Klassen besuchen traditionell die Straße der Kinderrechte im Nürnberger Stadtpark, wo sie an den sechs Stationen von verschiedenen Ansprechpartnern, wie etwa Vertretern von UNICEF oder der Kinderkommission, erwartet werden. Im Wechsel erfahren sie an jeder Station die Bedeutung der sie elementar betreffenden Rechte: so weist bei der Schildkröte eine UNICEF-Vertreterin auf den Wert von Wasser, auf das Recht auf Gesundheit und eine intakte Umwelt hin, die Nürnberger Vorsitzende der Kinderkommission erklärt beim Amphitheater das Recht auf freie Meinungsäußerung, Information und Beteiligung und beim Enträtseln der Geheimschrift im Buchstabenbaum erfahren die Kinder von ihrem Recht auf Privat- und Intimsphäre.
Damit sind die Grundlagen gelegt, um in der nächsten Jahrgangsstufe zu den Menschenrechten der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte  (AEMR) überzugehen. Anhand von etwa zehn Artikeln und deren Zuordnung zu Fotos, mit Gruppenspiel und Bastelarbeiten wird spielerisch ein Erstkontakt zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hergestellt.

Die sechste Jahrgangsstufe beschäftigt sich auch mit dem Wahlrecht. Sie testet aus, was es bedeutet, Gesellschaftsgruppen wie Frauen oder Ausländer auszuschließen und wie schnell sich die Macht in der Hand einiger weniger konzentriert, irgendwann zu Ungunsten fast aller anderer. In der siebten Klasse lernen die Heranwachsenden das eigens für die  Geschwister-Scholl-Realschule komponierte Schullied kennen: „Wenn jeder wartet…“. Es ermutigt die Schüler, sich in einer individualisierten hektischen Medienwelt dann zu engagieren, wenn es die Moral erfordert und Menschen Gewalt angetan wird. Alle achten Klassen suchen die Nürnberger Straße der Menschenrechte auf und beschäftigen sich hier mit der Meinungsfreiheit. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Befragung von Passanten. Bei der neunten Jahrgangsstufe steht der Besuch des Schwurgerichtssaals 600 im Nürnberger Justizpalast, dem Schauplatz der „Nürnberger Prozesse“ von 1945-49 und in Laufnähe zur Schule, auf dem Programm. Hier kommt das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren zur Sprache. Der letzte Jahrgang besucht gemeinsam das Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. An diesem Erinnerungs- und Lernort beschäftigt man sich hier mit den Ursachen, Zusammenhängen und Folgen der NS-Gewaltherrschaft und stellt die Menschenrechte in den Raum.
In allen Klassen findet eine Nachbereitung des Erlebten statt. Wichtig ist den 70 Lehrern im Kollegium, dass immer auch der Blick auf die Gegenwart gelenkt wird und die Schüler eine Verknüpfung mit dem Hier und Jetzt finden.


Plakataktion

Andere Veranstaltungen ergänzten in den vergangenen Jahren die Arbeit am Internationalen Tag der Menschenrechte: So wurde in den achten Klassen am 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, gemeinsam mit der Hauptschule Hintere Insel Schütt und dem Sigmund-Schuckert-Gymnasium  ein eigenes Projekt durchgeführt, wobei die Thematik auf die Schulebene heruntergeholt wurde.  Von diesem Projekt berichteten die SchülerInnen später im Rahmen einer Abendveranstaltung der Stadt in einem Stadtteilzentrum.

Zum 60. Geburtstag der Unterzeichnung der Menschenrechtscharta entwarfen ausgewählte Schülerinnen und Schüler Plakate zu einzelnen Menschenrechtsartikeln. In einer gemeinsamen Aktion mit dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg und anderen Schulen wurden diese gedruckt und in ganz Nürnberg im öffentlichen Raum plakatiert.

60 Jahre Verkündigung der Menschenrechte durch die UN: Schüler gestalten zusammen mit dem Nürnberger Menschenrechtsbüro professionell Plakate, die in der ganzen Stadt geklebt werden.

 

Jährlich bereitet sich eine siebte Klasse unter dem Titel „Fair Spielt“ auf Aktionen mit dem Nürnberger Bündnis „Fair Toys“ vor. Dabei erfahren sie von den problematischen Arbeitsbedingungen in asiatischen Spielwarenfabriken. Anschließend werden sie beispielsweise als riesige Plüschtiere verkleidet auf dem Christkindlesmarkt aktiv. Auch bewegte sie dies schon zur Demonstration für das Recht auf angemessene Arbeit und Mitglied in einer Gewerkschaft bei der in Nürnberg jährlich stattfindenden Spielwarenmesse, der größten ihrer Art in der Welt.
Mit dem lauten Artikulieren ihrer Kritik treten die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule ein wenig in die Fußstapfen der Namenspatrone der Lehreinrichtung: Sophie und Hans Scholl, beide 1943 in München durch die Guillottine hingerichtet.


Karin Gleixner und Michael Schwarzer; Artikel aus „Menschenrechtsbildung in Nürnberg“, S.19; Herausgeber, Stadt Nürnberg / Bürgermeisteramt, Bildungsbüro