Nachgedacht



Zwischen Multi und Inter

Christlich-Muslimische Schulentlassfeiern

 

„Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren.“ (Psalm 86,9)

 

Religiöse Vielfalt

Als ich im September 2002 anfing, an der neugegründeten Staatlichen Realschule Nürnberg II zu unterrichten, gab es in der einen Jahrgangsstufen mehr Nationalitäten als Klassen und mehr Religionen als Unterrichtende. Die Verhältnisse haben sich inzwischen verschoben, aber die Schule ist weiter multikulturell und multireligiös geprägt. Ein Haupteinzugsgebiet ist der Stadtteil Gostenhof, auch gerne mal Gostanbul genannt.

Von Anfang an hat das die Schulentwicklung geprägt. Deutlicher Ausdruck dafür ist der Name, den die Schule sich gegeben hat: Geschwister-Scholl-Realschule. Im Leitbild heißt es dazu:

„Sophie und Hans Scholl stehen für unverzichtbare Werte in unserer Gesellschaft.

  • Wie die Geschwister Scholl stehen wir füreinander ein.
  • Wir wenden uns gegen Fremdenfeindlichkeit und sind für ein friedliches Miteinander.
  • Wir sind gegen Hass, Gewalt und Mobbing. Naziideen lehnen wir ab.
  • Wir bemühen uns um Gerechtigkeit und Toleranz.
  • Wir achten die Wünsche und Bedürfnisse anderer und helfen uns gegenseitig“

Die Fachschaft Religion hat daran nicht unwesentlich mitgewirkt. Eine erste Entscheidung war, eine gemeinsame Fachschaft Evangelisch - Katholisch - Ethik zu bilden. Bereits im ersten Jahr erarbeiteten wir einen Stadtteilspaziergang, bei dem evangelische Kirche, katholische Kirche und Moschee besucht werden.

Islamischer Religionsunterricht

Mit dem Schuljahr 2007 / 2008 brach eine neue Zeit an der Schule an. Man kann es durchaus so feierlich ausdrücken. Als erste weiterführende Schule in Bayern wurde hier Islamunterricht angeboten. Unter der Verantwortung von Prof. Dr. Harry Harun Beer (interdisziplinäres Zentrum für islamische Religionslehre der FAU Erlangen) werden seitdem Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen sieben bis zehn in islamischer Religion unterrichtet. Unterstützt wurde er in den ersten beiden Schuljahren von zwei seiner Studierenden, Emel und Amin Rochdi.

Die Fachschaft Religion - Ethik erweiterte sich um das Fach Islam. Ab da wurden religiöse und ethische Fragen des Unterrichtens und des Schullebens multireligiös, nein interreligiös besprochen. Denn das, was da besprochen und geplant wird, wird gemeinsam verantwortet. Es geht um fächerübergreifende Projekte genauso wie um pädagogische Fragen, um Notengebung wie um Terminabsprachen.


Der erste Abschlussjahrgang

Gleich im ersten Jahr stand uns eine besondere Herausforderung ins Haus. Die Schule bereitete sich auf ihren ersten Abschlussjahrgang vor. Sollte es zu diesem Anlass einen Gottesdienst geben?

Die Frage war berechtigt. Hatte sich die Schule doch bereits 2004 entschieden, keine Schulgottesdienste im herkömmlichen Sinne zu feiern. Dafür waren zwei Argumente ausschlaggebend: Zum einen die oben erwähnte religiöse und weltanschauliche Vielfalt unter den Schülerinnen und Schülern. Im Durchschnitt waren die Gruppen für evangelische Religion, katholische Religion und Ethik etwa gleich groß.

Zum anderen war die Erfahrung mit Schulgottesdiensten für viele Kolleginnen und Kollegen - mich eingeschlossen - zwiespältig: Eine große Menge an wenig bis gar nicht interessierter Schülerinnen und Schüler lässt einen Gottesdienst über sich ergehen. Es ist unruhig bis laut, gesungen wird kaum, die Beiträge von Mitschülerinnen und Mitschülern werden beklatscht, die Mesnerin braucht hinterher die große Kehrschaufel.

Mir ist klar, dass mir hier das Argument von der missionarischen Gelegenheit entgegengehalten werden kann. Ich glaube nicht daran, was Schulgottesdienst angeht.


Nachgedacht

Wir sind an der GSR einen anderen Weg gegangen. Zweierlei trat und tritt an die Stelle der „großen“ Schulgottesdienste. Da gibt es zum ersten Gottesdienste im Rahmen der Religionsgruppe. Vorbereitet von Lehrkraft und Klasse, gefeiert im Klassenzimmer oder in einer Kirche. Hier lässt sich an das anknüpfen, was schon eingeübt wurde. Die Größenordnung bleibt überschaubar, auch wenn sich Gruppen zusammentun. Gut oder geistlich tief muss das deswegen nicht sein. Aber die Chance, dass es dazu kommt, ist größer.

Die zweite Form ist das sogenannte „Nachgedacht“. Zweimal im Jahr, zu Beginn und gegen Ende des Schuljahrs wird, wie der Name sagt, gemeinsam nachgedacht. Vorbereitet wird das von Lehrkräften, nicht nur aus der Fachschaft Religion - Ethik, oft gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern. Die Klassen kommen dazu jahrgangsstufenweise für 15 - 20 Minuten in die Aula. Themen waren z.B. „Weite macht lebendig“, „Buntgestreifte“ oder „Gottesbilder“.


Multireligiöses Gebet

Zurück zum Schuljahr 2007 / 2008 und der Frage der Schulentlassfeier. Sollte es einen Gottesdienst geben, und wenn ja, in welcher Form? Wir wollten der Schulfeier etwas an die Seite stellen. Schnell war uns in der Fachschaft klar, dass ein klassischer, auch ökumenischer Gottesdienst nicht das war, was dem bisherigen Weg der Schule entsprach. Ich könnte es so formulieren: Die Ökumene an der GSR war größer als anderswo.

Ein Gottesdienst aller Religionen konnte nicht die Lösung sein. Nicht nur, weil das theologisch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Sondern schlicht und ergreifend, weil wir gar nicht mit Vertretern aller Religionen vorbereiten konnten.

Was lag da näher, als in der Zusammensetzung nachzudenken, in der wir in der Fachschaft waren. Evangelisch - katholisch - muslimisch, und durch die Ethiklehrerinnen waren prinzipiell auch die anderen Schülerinnen und Schüler vertreten.

Wenn auch nicht in ausformulierter Form: Die Problemlage war uns klar. Wir bewegten uns auf unebenem Gelände, und zwar dogmatisch ebenso wie praktisch - theologisch.[1]

In der Handreichung des Rates der EKD „Klarheit und gute Nachbarschaft“ (2006) wird die Frage, „ob Glieder der evangelischen Kirche zusammen mit Muslimen beten oder andere Formen geistlicher Gemeinschaft praktizieren sollen und können“[2] nur für denkbar angesehen, wenn „besonders gewichtige und dabei plausible Gründe“[3] vorliegen.

Immerhin wird neben Dialogwochen und Katastrophenfällen auch für möglich gehalten, dass „zum Schulanfang, bei Geburt, Hochzeit, Lebenskrisen, Krankheit oder Tod [...] eine gemeinsame religiöse Handlung erwartet oder gewünscht wird.“[4]

In der gängigen Unterscheidung zwischen multireligiösem und interreligiösem Gebet stellt die Handreichung unter Bezugnahme auf andere kirchliche Verlautbarungen fest:

„In der Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen“ (2000) wie auch in anderen kirchlichen Stellungnahmen wird zwischen einem „multireligiösen“ und einem „interreligiösen Gebet“ unterschieden. Im Falle eines „multireligiösen Gebetes“ vollzieht sich das Beten nebeneinander oder lediglich in Anwesenheit des anderen. „Interreligiöses Beten“ wäre ein Beten, bei dem Menschen unterschiedlichen Glaubens gemeinsam beten und zugleich dasselbe Gebet sprechen. Das interreligiöse Beten kommt aus theologischen Gründen nicht in Betracht. Auch jegliches Missverständnis, es finde ein gemeinsames Gebet statt, ist zuverlässig zu vermeiden. Eine Situation, in der nebeneinander oder nacheinander gebetet wird, kann leicht als interreligiöses Beten wahrgenommen und gedeutet werden, bei dem die bestehenden grundlegenden Unterschiede nicht respektiert werden.“[5]


Praktische Fragen

Vor diesem Hintergrund - der im übrigen von römisch-katholischer Seite ähnlich ist - stellten wir uns den praktischen Fragen. Immer wieder haben wir dabei voneinander gelernt, und - für mich besonders spannend - festgestellt, dass wenigstens in unserer Runde die Diskussionslinie nicht automatisch zwischen Christen und Muslimen verlief.

Als Ort haben wir uns für das Gotteshaus entschieden. Es war durchaus auch ein nicht-geistlicher Ort im Gespräch (Rathaussaal o.ä.). Die Themen sollten schülerrelevant sein und in beiden Religionen verortbar. Interessant wurde es bei den liturgischen Elementen.

Bibel und Koran sollten vorkommen, gelesen und ausgelegt. Bei Liedern waren wir bisher sehr zurückhaltend, ist doch Gesang in islamischen Gottesdiensten weniger gebräuchlich.

Aus der Frage der Gebete - hier wird ja, und sei es, um den Begriff Gottesdienst zu umgehen, in der Regel die theologische Diskussion geführt[6] - ergab sich letztlich die Grundstruktur unserer Feier. Ein gemeinsames Beten im oben beschriebenen interreligiösem Sinn konnte es nicht sein. Wir wollten aber auch nicht jedesmal doppelt beten.

Statt parallel zu verfahren (Christ betet, Moslem betet) haben wir die Teile S-förmig angeordnet (Anfangsgebet: Religion A, Schlussgebet: Religion B). Damit legte sich als Predigtform auch die Dialogpredigt nahe. Siehe die Beispiele unten.


Vier Typen und ein Modell

Das aus diesen Überlegungen entstandene Modell eines Abschlussgebetes enthält Elemente der vier Typen, die Jochen Arnold unterscheidet[7]. Der liturgischen Gastfreundschaft entspricht der Ort, an dem unsere Gebete stattfinden und der den Rahmen prägt (2008: Evangelische Epiphaniaskirche, 2009: katholische Kirche St. Anton).

Der mulireligiösen Feier entspricht es, dass Gebete klar einer der beteiligten Religionen zugeordnet sind. Auch verschiedene Lesepulte machen klar, ob gerade ein Christ oder ein Moslem spricht. Auf liturgische Gewänder haben wir bewusst verzichtet, weil außer mir niemand an der Schule und damit aus dem Gottesdienst-Team Geistlicher ist.

„Die interreligiöse Feier bietet ein gemeinsames Programm, auf das man sich inhaltlich einigt.“[8] Wir suchen jeweils nach einem gemeinsamen Thema. Dieses wird nicht nur im Vorfeld miteinander durchdacht. Es wird auch unter Bezugnahme auf Bibel- und Korantexte dialogisch ausgelegt.

Und schließlich die religiöse Feier für alle, wie Arnold sie nennt[9], „Der Hintergrund ist die allen Menschen gemeinsame Frage nach dem Ganzen des Lebens. [...] Das ist etwa bei Schulanfangs- oder Schulentlassungsfeiern deutlich zu spüren.“[10] Hier schließt sich unsere Form an das in der Schule eingeführte „Nachgedacht“ an (siehe oben).


Praktischer Vollzug

Wie das Abschlussgebet an der GSR im praktischen Vollzug aussah, soll an einigen Textbeispielen deutlich werden. Zuerst der Ablauf des Gebetes von 2008:

1. Musik zum Ankommen

2. Begrüßung

3. christliches Gebet

4. Anspiel mit Schülersituationen

5. Lesung Glaubenstexte

6. Auslegung im Dialog

7. Lied

8. muslimisches Schlussgebet

9. Segen

10. Andenken

Als zweites die doppelte Begrüßung des ersten Gebetes:


Christ

Willkommen zu unserer Feier. Sie ist etwas ganz besonderes. Nicht so sehr für euch. Ihr seid es vom Nachgedacht sowieso gewöhnt gemeinsam mit anderen Religionen nachzudenken. Weltweit ist es aber etwas besonderes, dass Christen und Muslime gemeinsam feiern und andere Religionen dazu einladen.

Dabei geht es nicht darum die Religionen zu vermischen. Jede Religion hat ihre eigenen Schätze, die andere nicht so leicht verstehen. Deshalb könnt ihr auch an den Lesepulten erkennen aus welcher Religion ein Text oder ein Gebet kommt.

Fragen ans Leben haben wir aber gemeinsam. Deshalb können wir auch gemeinsam nachdenken. Zu diesem gemeinsamen Nachdenken sind alle anderen Religionen eingeladen, aber auch alle, die an keinen Gott glauben. Bei den Gebeten könnt ihr zum Beispiel einfach respektvoll zuhören.

Christen beginnen Gottesdienst immer im Zeichen ihres barmherzigen und lebenspendenden Gottes. Das tun wir nun auch. Katholiken sind es gewohnt das Kreuzzeichen mitzumachen. Das könnt ihr auch jetzt tun.

Lasst uns also beginnen, nicht im Namen des Erfolgs oder des Hasses, sondern

Im Namen des Vater und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.


Moslem

Bismillah ar-rahman ar-rahim, Mit dem Namen des gütigen und vergebenden Gottes. Ich, als ein Vertreter für den Islam an der Geschwister Scholl Realschule möchte Euch alle ebenfalls begrüßen. Dies mache ich mit dem arabischen Gruß „as-salamu alaykum“, der in der arabischen Welt sowohl von Muslimen, als auch von Christen verwendet wird und mit dem ich Euch allen, den Frieden wünsche.

Für unser erstes gemeinsames Abschiedsgebet haben wir uns ein wichtiges Thema gewählt, die Gerechtigkeit.

Und schließlich drittens ein Ausschnitt aus der Dialogpredigt von 2009 (Thema: Du hast die Wahl):

„CHRIST       Wir könnten hier stehn bleiben und abwarten, wann die ersten gehen, wenn sich nichts tut.

MOSLEM      Können wir. Aber dürfen wir das? Erst alle einladen und dann ist gar nichts?

C         „Alles ist mir erlaubt.“

M        (unterbricht) Hast du schon recht.

C         Warte, der Satz ist ja noch nicht fertig. „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll mich gefangen nehmen:“

M        Von Jesus?

C         Ne, von Paulus. Aber trotzdem gut.

M        Wohl war. Alles ist mir erlaubt.

C         Ganz schön weitreichend, dieser Satz! Irgendwie eine Generalerlaubnis. Ich stell mir das gerade für die Schule vor.

M        Traut man der Bibel gar nicht zu. Dem Koran vermutlich auch nicht.

C         Und: Ist nach dem Koran auch alles erlaubt?

M        Kann man schon so sagen. In Sure 25 heißt es: „Gott hat alle Lebewesen geschaffen und ihnen ihr Maß gegeben.“ Das heißt soviel wie: hat ihnen die Möglichkeit gegeben, zu wählen, zu handeln, zu entscheiden.

C         Also stehen uns beide Türen offen.“


Schlussgedanken

Zweimal haben wir die gemeinsame religiöse Abschlussfeier nun gehalten. Dabei haben zuallererst diejenigen profitiert, die die Feiern vorbereitet haben. Welche Bedeutung der Segen im islamischen Kontext hat, wusste ich vorher nicht. Dass biblische und koranische Inhalte miteinander in Dialog kommen, freut mich jedesmal aufs Neue. Mehr als hilfreich war, dass alle Verantwortlichen in großer Offenheit aufeinander zugegangen sind und bereit waren, einen Schritt über das an sich Mögliche hinauszugehen.

Das Lehrerkollegium trägt und schätzt die Feiern sehr. Ein starker Besuch und viele positive, ja begeisterte Rückmeldungen zeigen das.

Von Seiten der Schülerinnen und Schüler (sowie deren Eltern) ist, soweit man das nach zweimal sagen kann, ein steigendes Interesse zu spüren. Da wird es sicher, vor allem von nicht-christlicher Seite, dauern, bis das Abschlussgebet positiv wahrgenommen wird.

In einem Papier der Evangelischen Kirche im Rheinland heißt es: „Im Rahmen der Versuche, einander achten zu lernen, ist Christlich-Islamisches Beten und Feiern besonders zu würdigen. Die theologische Reflexion wird nicht davon unberührt bleiben, daß die Praxis ihrer Theorie vorausging. Auch wenn die Möglichkeiten der Begegnung noch nicht voll ausgeschöpft sind und Christlich-Islamisches Feiern und Beten unterschiedlicher Bewertung und Kritik unterliegt, ist es ein eindrückliches Zeugnis der Verbundenheit im jeweiligen Glauben. Es bleibt freilich vieles zu bedenken. Christlich-Islamisches Beten und Feiern hat häufig noch "experimentellen Charakter". Nichts ist schon eingespielt. Alles muss immer wieder neu bedacht werden.“[11]

Genauso erleben wir es an der Geschwister-Scholl-Realschule.

Lutz Domröse

Pfarrer, Nürnberg



[1] Vergleiche Klarheit und gute Nachbarschaft, EKD-Texte 86, Seite 114

[2] a.a.O.

[3] a.a.O.

[4] a.a.O.

[5] a.a.O. Seite 117

[6] „Gemeinsame Gebete und religiöse Feiern?“, a.a.O. Seite 113

[7] Arnold, Jochen: Multireligiöse und interreligiöse Feiern, Eine Phänomenologische und theologische Betrachtung, http://www.rpi-loccum.de/arnold.html

[8] a.a.O., Seite 3

[9] a.a.O., Seite 3

[10] a.a.O., Seite 4

[11] Christen und Muslime nebeneinander vor dem einen Gott. Zur Frage des gemeinsamen Betens. Eine Orientierungshilfe, hrsg. von der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf 1998, Seite 4